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Geschichten frei erzählen

Im Kindergarten gibt es einige Kinder die zwischendurch zu mir kommen und mich bitten eine Geschichte zu erzählen. Sie dürfen sich dann aussuchen von wem die Geschichte handeln soll und was in der Geschichte vorkommen soll. 
Häufig dabei sind: Ritter, Prinzessin, Einhörner, Pferde,ein Schloß, eine Burg, neuerdings auch Trecker und Vampire, Wenn ich anfange zu erzählen, können die Kinder auch noch die Namen der Personen bestimmen. 
Dann fabulieren wir drauflos. Dabei sind schon einige Märchen und Geschichten entstanden. Wichtig sind den Kindern immer bestimmte Gesetzmäßigkeiten die ich aber auch gern mal auf den Kopf stelle.
Dabei sind Geschichten vom kleinen Drachen entstanden. Der Drache ist so klein wie eine Wespe. Da man ihn kaum sieht konnte ihn kein Ritter besiegen und er lebt munter im Wald in einer kleinen Höhle. In dem gleichen Wald lebt auch das Einhorn daß guten Menschen mit der Zauberkraft in seinem Horn hilft. Eine andere Person der Vampir der kein Blut mag und nur Blutorangensaft trinkt. 
Eine Regel ist daß es nur eine Geschichte am Tag gibt. Wenn die Geschichte kurz ist auch mal zwei kurze Geschichten. Wenn mir eine Geschichte zuhause noch einfällt dann schreibe ich sie auf.
Eine der Geschichten die ich aufgeschrieben habe ist die vom kleinen und vom großen Hans.


 
Der große und der kleine Hans

Erzähl mir eine Geschichte, forderte Till. „Wer soll in der Geschichte vorkommen?“ fragte ich ihn. Bevor Till antworten konnte schränkte ich ein: „Aber kein Feuerdrache“ „Doch ein Feuerdrache mit roter Haut und riesigen Augen,“ wünschte sich Till. Ich seufzte,“ und was noch?“
Das kannst du dir selber aussuchen,“ erlaubte er mir gnädig. Ich schüttelte den Kopf: „Nein das wäre zu einfach, du musst dir schon selbst was überlegen.“ Nach einigem Hin und Her bekam ich die Vorgabe: „ Ein kleiner Ritter soll darin vorkommen.“ Das hörte sich schon mal gut an. „Und wie soll der Ritter heißen?“ bohrte ich nach. „Hans oder Heinz, schlug mein Zuhörer vor. Ich suchte mir Hans aus und begann. „ Es war einmal ein kleiner Ritter der hieß Hans. Hans wohnte auf einer großen Burg in einem großen dunklen Wald. Auf der Burg wohnte auch sein Vater, der auch Hans hieß. Auch der große Hans war Ritter. Seine Mutter war ein Burgfräulein und hieß Kunigunde.“ Neben mir kicherte Till. Ich nutzte die Gelegenheit um zu überlegen wie es weitergehen sollte. „Weiter,“ hörte ich eine Stimme neben mir fordernd. „Der kleine Hans hatte auch ein Pferd.“ Neben mir meldete sich Till: „Der große Hans hat ein großes Pferd und der kleine Hans hat ein kleines Pferd:“ Ich nickte: „Genau, ein kleines und ein großes Ross. Und auf denen ritten sie durch den großen dunklen Wald. Sie ritten sehr lange bis der Wald aufhörte. Danach kam ein Gebirge dass sie überquerten. Sie ritten sieben Berge hoch und sieben Berge wieder runter. Nach den Bergen kamen sie an eine Schlucht. Da sie keine Brücke die über die Schlucht fanden ritten sie am Rand der Schlucht entlang. Nicht lange danach kamen sie in ein Dorf. Die Menschen in dem Dorf hatten sich in ihre Häuser versteckt. Auf den Straßen war kein Mensch zu sehen. Erst als sie an den Brunnen in der Dorfmitte kamen stand dort eine Frau. 'Gute Frau,' begann der große Hans, 'warum verstecken sich die Menschen in ihren Häusern?'. Da erzählte ihnen die Frau von dem riesigen Drachen der in der Schlucht hauste. Der würde alles verbrennen was ihm in die Nähe kam. Andere Dorfbewohner hatten sich mittlerweile aus ihren Häusern getraut und kamen zum Brunnen. Alle redeten durcheinander. Sie baten Hans und Hans um Hilfe und versprachen ihnen eine Belohnung wenn sie ihnen helfen würden. So ritten die beiden Ritter los und kamen bald zum Eingang der Drachenschlucht. Schon am Anfang der Schlucht sahen sie überall verbrannte Bäume. Langsam ritten sie weiter. Als ihre Pferde scheuten und sich weigerten weiterzugehen, gingen sie zu Fuß weiter. Bald kamen sie an einen Höhleneingang. Die Steinwände waren schwarz verkohlt und es roch nach Rauch. In der Höhle schlief ein großer Drache. Kleine Rauchwölkchen stießen beim Schnarchen aus seinem Mund. Der kleine Hans stolperte und gleich öffnete der Drache seine Augen. 'Was wollt ihr kleinen Menschen von mir?' Dröhnte die Stimme des Drachen durch die Höhle. Hans und Hans waren wie versteinert stehengeblieben. Von einem sprechenden Drachen hatten sie noch nie etwas gehört. Allerdings hatten sie bisher sowieso noch keinen Drachen gesehen oder von einem gehört. Sie hörten ein Glucksen und der Drache stöhnte laut: 'Au diese Magenschmerzen.' Und gleich darauf spie er eine lange Flamme an ihnen vorbei in die Schlucht. Sie hatten sich schnell hinter einen Felsvorsprung geduckt, trotzdem spürten sie die Hitze. Als alles wieder ruhig war traute sich der kleine Hans hinter dem Felsen vor und fragte den Drachen: „ Warum spuckst du denn immer Feuer? Die Menschen im Dorf haben große Angst dass du ihre Häuser verbrennst. Der Drache seufzte: 'Aber ich will ja gar kein Feuer speien. Kein Tier traut sich mehr zu mir und ich bin so einsam. Aber diese Magenschmerzen und das Glucksen wenn das kommt muss ich immer Feuer spucken.' Hans und Hans versprachen dem Drachen ihm zu helfen wenn sie konnten und ritten wieder ins Dorf. Sie erzählten den Menschen dort, was den Drachen quälte, und die Leute schickten die beiden Ritter zu einer Kräuterfrau. Die Kräuterfrau kochte dem Drachen einen Riesenkessel voller Magenmedizin. Die beiden Hänse beluden einen Karren mit dem Kessel und reisten wieder zurück zum Drachen. Sie gaben dem Drachen die Medizin zu trinken und warteten. Kein Glucksen war mehr zu hören. Der Drache war geheilt und freute sich so sehr dass er den beiden einen Sack mit Schätzen gab, die er in seiner Höhle gefunden hatte. Sie luden die Schätze auf den Karren und kehrten ins Dorf zurück. Dort teilten sie die Schätze mit den Dorfbewohnern und alle feierten ein großes Fest, bevor Hans und Hans am nächsten Tag wieder über die sieben Berge und durch den dunklen Wald nach Hause ritten.' Ich schwieg, dann meldete Till sich zu Wort. „Noch eine Geschichte,“ forderte er. „Nur eine Geschichte am Tag haben wir ausgemacht, erinnerte ich ihn. Dann ging er wieder spielen.

 © Gundula Geck-Grantz


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